„Wir nennen das heute Respekt“

Wer Menschenrechte einfordert, muss bereit sein, Pflichten zu erfüllen. Das sagt Aleida Assmann, diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, im Interview.

heute.de: Sie stellen den Menschenrechten Menschenpflichten an die Seite. Warum?

Aleida Assmann:  Ich möchte auf keinen Fall die Rechte durch Pflichten ersetzen, sondern die Rechte in einen Kontext einbetten und damit stärken. So wird das Menschenrechtepaket komplett.

heute.de: Welchen Kontext meinen Sie?

Assmann: Die Menschenrechte haben eine sehr starke aus Europa kommende Tradition. Sie sind ein Export in die ganze Welt. Wir nennen sie universalistisch. Die Menschenpflichten dagegen nenne ich universell, weil sie an allen Orten der Welt bereits vorhanden sind. Wir müssen sie anderen nicht aufdrängen. Sie sind der Schatz weltweiter Erfahrungsweisheit.

heute.de: Was gehört zu den Menschenpflichten?

Assmann: Man kann sie in einem Satz zusammenfassen: Alles, was du für dich selbst möchtest, ermögliche auch den anderen. Das ist die goldene Regel. Dazu gehören Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Fairness und Wahrhaftigkeit. Es geht immer darum, bei allem, was man tut, das Wohl des anderen nicht einzuschränken. Wir nennen das heute Respekt.

Aleida Assmann ist in diesem Jahr mit ihrem Ehemann Jan für ihre Arbeiten zur Erinnerungskultur mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Im Herbst legte die Kulturtheoretikerin zwei neue Bücher vor: „Menschenrechte und Menschenpflichten“ und „Der europäische Traum“.


Aleida Assmann ist in diesem Jahr mit ihrem Ehemann Jan für ihre Arbeiten zur Erinnerungskultur mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Im Herbst legte die Kulturtheoretikerin zwei neue Bücher vor: „Menschenrechte und Menschenpflichten“ und „Der europäische Traum“.

heute.de: Seit wann existiert diese Regel?

Assmann: Es gab sie schon im alten Ägypten. Das ist 5.000 Jahre her. Man kann sie in Büchern nachlesen. Sie zeigt auf, wie man miteinander umgehen soll, damit man nachhaltig friedlich miteinander leben kann. Das gelingt, wenn man nicht auf Kosten anderer lebt und die Verrohung nicht fortschreitet. Diese goldene Regel will ich wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken. Wir ziehen heute ständig rote Linien und reißen Abgründe zwischen uns auf. Das erschwert die Verständigung enorm. Wir haben die sozialen Bande weitgehend vergessen.

heute.de: Warum halten sich so wenige Menschen an diese Pflichten?

Assmann: Wir haben mit der westlichen Modernisierung eine Kultur aufgebaut, die in erster Linie das Individuum stark macht. Ein Beispiel ist die Vorstellung vom „Amerikanischen Traum“. Demzufolge kann jeder, der die entsprechende Leistung erbringt, an die Spitze gelangen. Das ist eine Wettbewerbskultur. Geld und Macht werden zum Motor der Selbstdurchsetzung, aber nicht zur Selbstbeherrschung. Das Individuum wird losgelöst von allen anderen. Das spiegelt sich auch im Begriff der Emanzipation. Wörtlich übersetzt heißt es: Die Hand aus einer anderen Hand herausziehen.

heute.de: Bereits 1997 legte das InterAction Counsil, ein Zusammenschluss von ehemaligen Staats- und Regierungschefs, eine Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten vor. Was ist damit geschehen?

Assmann: Sie ist in der Schublade der Vereinten Nationen verschwunden. Die Idee ist an den Mentalitäten der damaligen Zeit gescheitert. Es hieß, Menschenpflichten schwächen die Menschenrechte. Aber eine Schublade, die vor 30 Jahren geschlossen wurde, kann man ja wieder öffnen.

heute.de: Wie kann man Menschenpflichten durchsetzen?

Assmann: Bei den Menschenpflichten kann man keinen Zwang ausüben, sondern muss auf Einsicht setzen. Denn wir alle haben eine Verantwortung für den sozialen Zusammenhalt. Wir werden als hilflose Menschen geboren und so sterben wir auch. Wir brauchen also immer auch die anderen. Wer Menschenpflichten einhält, belohnt sich selbst.

heute.de: Womit?

Assmann: Mit Frieden. Es geht darum, Konflikte zu vermeiden. Wir sehen das in der ökologischen Entwicklung. Wir tun viele Dinge, die wir nicht mehr zurückdrehen können. Damit schaffen wir Konflikte, die möglicherweise erst in der Zukunft aufbrechen werden.

heute.de: Wie können wir die goldene Regel unter die Menschen bringen?

Assmann: Kinder verstehen sie sofort. Kämpfe fangen häufig schon in der Sandkiste an. Aber Kinder wissen sehr genau, wie man sie befrieden kann. Ein Beispiel: Wenn etwas zu verteilen ist, dann teilt ein Kind und ein anderes verteilt die Stücke. Das verhindert, dass das Kind, das teilt, sich gleich das größte Stück sichert. Das ist eine leise und hintersinnige Weisheit. Es geht darum, dass wir die naturwüchsigen Impulse, die wir ja alle haben, einschränken und die Gier zähmen. 

heute.de: Wo kann diese Weisheit gelehrt werden?Assmann: In Familien, Kindertagesstätten, Schulen und Vereinen. Dort brauchen wir eine Hausordnung, die auf Gleichheit und Gemeinsamkeit ausgerichtet ist. Sie versteht jeder, weil sie nicht nur in westlichen Kulturen entwickelt und tradiert worden ist.

Das Interview führte Katharina Sperber. Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.