Unter den Rock fotografieren – In Deutschland nur eine Ordnungswidrigkeit

Männer, die Frauen heimlich unter den Rock fotografieren, werden in Deutschland strafrechtlich nicht verfolgt. Das soll sich ändern. Zwei Frauen schlagen Alarm.

Als die TV-Redakteurin Ida Marie Sassenberg und die Regiestudentin Hanna Seidel jüngst hörten, dass Upskirting, also das Fotografieren unter den Rock einer Frau, in England und Wales künftig als Straftat gilt und mit zwei Jahren Haft geahndet werden kann, wunderten sie sich sehr, dass diese Art des Voyeurismus hierzulande nur eine Ordnungswidrigkeit ist und strafrechtlich keine sexuelle Belästigung. Die beiden empörten sich nicht nur, sondern verfassten eine Petition unter dem Titel „Verbietet #Upskirting in Deutschland!“.

Damit „wollen wir eine breite mediale Öffentlichkeit und den Gesetzgeber auf die strafrechtliche Lücke aufmerksam machen“, sagt Hanna Seidel. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie ist nach eigenen Angaben bereits zwei Mal Upskirting-Opfer geworden. Inzwischen haben die beiden Aktivistinnen bereits mehr als 30.000 Unterschriften gesammelt und sind voller Hoffnung, dass die Politik sie hören wird. „Wir werden unsere Petition mit Kunstaktionen und Videos zusätzlich unterstreichen“, verspricht Seidel.

Upskirting-Opfer zwischen sieben und 70 Jahre alt

Mit ihrem Vorgehen folgen die beiden Frauen ihrem Vorbild Gina Martin in England. Auch sie startete, nachdem sie auf einem Festival Opfer eines Voyeurs geworden war, eine Kampagne mit dem Ziel, Upskirting als Straftatbestand ins Gesetz zu schreiben. Sie fand in 18 Monaten rund 100.000 Unterstützer – und die Politik reagierte. „Es gibt keine Entschuldigungen für solches Verhalten und die Täter müssen die volle Härte des Gesetzes spüren“, sagte die britische Justiz-Staatssekretärin Lucy Frazer. 2018 waren nach Angaben der britischen Polizei Upskirting-Opfer zwischen sieben und 70 Jahre alt. Die Motive der Täter hätten von Demütigung bis zu sexueller Befriedigung gereicht.

Schottland geht bereits seit einigen Jahren härter gegen solche Täter vor – ebenso Belgien, Frankreich und der US-Bundesstaat Massachusetts. Warum klafft hierzulande eine Rechtslücke?

Sexuelle Belästigung seit 2016 im Strafgesetzbuch

Deutschland habe es in der Vergangenheit auch nicht eilig gehabt, Frauen im öffentlichen Raum vor sexuellen Belästigungen zu schützen, sagt Anne-Katrin Wolf, Mitglied in der Strafrechtskommission des Deutschen Juristinnenbundes. Erst Ende 2016 wurde sexuelle Belästigung als Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen (Paragraf 184i StGB).

Danach macht sich strafbar, wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise körperlich berührt und dadurch belästigt. Das ist beim heimlichen Fotografieren häufig nicht der Fall. Erst, wenn die Fotos an Dritte weitergegeben würden, könnte in Einzelfällen das bestehende Gesetz greifen, erläutert die Rechtsanwältin. Wer die Fotos für sich behalte oder wem man nicht nachweisen könne, dass das Foto geteilt wurde, komme meist davon. Außerdem bleiben die Täter meist unbekannt. Paragraf 201a StGB greife beim Upskirting auch nicht, ergänzt Wolf. Demzufolge ist heimliches Fotografieren der intimen Bereiche in geschlossenen Räumen verboten – nicht aber in öffentlichen Räumen.

Upskirting gilt in Deutschland als Ordnungswidrigkeit wegen „Belästigung der Allgemeinheit“. 2013 kam beispielsweise ein Mann mit einem Ordnungsgeld von 750 Euro davon. Er hatte in Münchens Stadtzentrum an einer Rolltreppe Frauen unter die Röcke fotografiert und ist dabei erwischt worden. Der Fall landete vor Gericht.

Voyeuren das Handwerk legen

Was kann eine Frau gegen solche Übergriffe tun? Wenn es eine Frau überhaupt bemerke, dass ihr ein Mann unter den Rock fotografiere, könne sie den Mann ansprechen und auffordern, das Foto zu löschen, rät Anwältin Wolf. Dem Täter das Handy aus der Hand schlagen, sei keine gute Idee, weil sich die Frau selbst damit einer möglichen Strafbarkeit aussetze.

Auch für Juristinnen sei die derzeitige Situation „unbefriedigend“, sagt Anne-Katrin Wolf. Die Anwältin mahnt allerdings zur Vorsicht, voreilig neue Regeln ins Strafgesetzbuch zu schreiben. Sie müssten wohl bedacht werden, in der Praxis durchsetzbar sein und tatsächlich zu mehr Schutz führen. Gleichwohl gibt es auch für sie keinen Zweifel: „Upskirting ist ein Angriff auf das sexuelle Selbstbestimmungsrecht eines Menschen“. Upskirts landen häufig auf Pornoseiten und anderen Onlineplattformen. Auf vielen Upskirts sind die Frauen zudem identifizierbar.  

Die Möglichkeit, eine Gesetzesänderung über eine Petition zu erzwingen wie in England, gibt es in Deutschland nicht. „Wir werden nicht aufgeben“, sagt Hanna Seidel. Sie und ihre Mitstreiterin hoffen, schon bald mit den zuständigen Ministerinnen an einem Tisch in Berlin zu sitzen und zu beraten, wie den Voyeuren das Handwerk gelegt werden kann. Auch die Strafrechtskommission des Juristinnenbundes befasse sich bereits mit dem Thema, sagt die Anwältin Anne-Katrin Wolf.

Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

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