Wein: Ohne Alkohol, aber bitte mit Geschmack

Wer gesund leben will, greift selbst auf Empfängen oder Festen öfter zum alkoholfreien Getränk. Beim Bier ist das Angebot groß. Bei Sekt und Secco ohne Prozente wächst die Palette. Wein ohne Alkohol aber lehnen viele Genießer ab. Das hat Gründe.

Fehlt der Alkohol im Wein, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut, schmecke das Getränk “eigentlich anders als Wein”. Der Grund: An die Alkoholmoleküle docken all die feinen Aromen an, die einen edlen Tropfen ausmachen. Ähnlich wie in Nahrungsmitteln, wo Fett der Geschmacksträger ist. Manche Weinhändler schmähen alkoholfreien Wein als “kastrierte Geschmacksprothese”. Während beim Wein um die zwölf Volumenprozente Alkohol herausgenommen werden, sind es beim Bier in der Regel nur fünf Prozent Alkoholgehalt, die verdampfen. Damit ist auch der Unterschied zum alkoholhaltigen Bier auf der Zunge kleiner.

Alkoholfreier Wein ist kein Traubensaft

Es gibt Menschen, die aus religiösen Gründen Alkohol grundsätzlich ablehnen oder zeitweise darauf verzichten, weil sie mit dem Auto fahren müssen, Medikamente einnehmen oder schwanger sind. Zum Festessen wollen aber auch sie ein Gläschen Wein nicht vermissen. Ihrer hat sich seit mehr als 100 Jahren die Weinkellerei Carl Jung in Rüdesheim am Rhein angenommen. Sie produziert ausschließlich alkoholfreien Wein, Sekt und Secco. Über viele Jahre haben die Mitarbeiter getüftelt, wie sie den Alkohol aus den Weinen bekommen, die sie in deutschen, französischen oder spanischen Keltereien aufkaufen. Denn alkoholfreier Wein ist kein Traubensaft, wie manche denken, sondern gekelterter Wein.

Entwickelt wurde in Rüdesheim ein Destillationsverfahren im Vakuum. Das Patent wird inzwischen von anderen Kellereien genutzt. Der Wein wird im luftleeren Raum auf 28 bis maximal 30 Grad Celsius erwärmt. Dabei entweichen Aromen und Alkohol. Während letzterer zur Herstellung von Weinbrand verwendet wird, werden die Aromen zusammen mit Restzucker dem entalkoholisierten Wein wieder zugesetzt. Um einen vollen, runden Geschmack zu erreichen, sei es wichtig, Rebsorten zu verwenden, die von Natur aus aromabetont sind, sagt Martin Henrichs, Geschäftsführer der Weinkellerei Carl Jung: Chardonnay, Cabernet Sauvignon und Riesling.

Guter Service für Ernährungsbewusste

Rechtlich gesehen, sagt Ernst Büscher vom Weininstitut, sei alkoholfreier Wein, “ein Zwitter”, für den sowohl die Wein- als auch die Lebensmittelverordnung gelte. Deswegen müssen auf dem Etikett – anders als beim Genussmittel Wein – auch Bestandteile wie Zucker, Salze und Fette aufgeführt werden. Für Ernährungsbewusste ein schöner Service. Mit dem Verzicht auf Alkohol sparen sie ohnehin etliche Kalorien.

Die Kellerei Carl Jung verkaufte im vergangenen Jahr mehr als zehn Millionen Flaschen ihrer alkoholfreien Weine und Seccos in über 30 Länder. Die Nachfrage nach Wein sei vor allem in muslimischen Ländern gestiegen, im Inland weniger, sagt Henrichs. Und doch machen er und auch Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut einen neuen Trend aus: Schaumweine ohne Prozente sind in. Das liege einerseits daran, dass die Kohlensäure den Getränken mehr Volumen schenke und den Geschmacksverlust durch den fehlenden Alkohol etwas ausgleiche. Andererseits suchten die Deutschen zunehmend “moderatere Alkoholgehalte”, berichtet der Experte vom Weininstitut. Kabinettweine mit elf bis zwölf statt 13 Volumenprozenten erlebten eine “kleine Renaissance”.

Auch wenn die Deutschen beim Bechern immer noch über dem europäischen Durchschnitt liegen, sei 2014 der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Prozent auf rund 137 Liter pro Kopf der Bevölkerung gesunken, meldete 2015 der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure. Auf den gesamten Alkoholkonsum, gemessen in Reinalkohol pro Kopf, seien 5,1 Liter auf Bier, 2,3 Liter auf Wein, 1,8 Liter auf Spirituosen und 0,4 Liter auf Schaumwein entfallen.

Nichts für Alkoholiker

Alkoholikern möchte Henrichs keinen alkoholfreien Wein oder Sekt empfehlen. Das liege weniger daran, dass auch diese Tropfen nach Paragraf 47 der Weinverordnung noch bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten dürfen. Für muslimische Kunden könne die Kellerei den Alkoholgehalt sogar bis auf 0,05 Volumenprozente senken. Henrichs Bedenken liegen in der psychologischen Wirkung der Trinkkultur begründet: Die Flasche in freudiger Erwartung öffnen und die fröhliche Geselligkeit beim Trinken könnten Alkoholiker dazu verführen, wieder zum alkoholhaltigen Wein zu greifen. Für sie sei es besser, bei Wasser oder Limo zu bleiben, sagt Henrichs. “Man sagt auch keinem Kind, mach doch mal ‘ne Flasche Sekt auf, selbst wenn er alkoholfrei ist.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

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