Noch waren nie so viele Menschen auf der Flucht

Durch Kriege und Verfolgung steigt laut UNHCR weltweit die Zahl der Menschen auf der Flucht. In Deutschland sinkt die Zahl der neuen Asylanträge 2018 dagegen deutlich.

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat 2018 weltweit erstmals mehr als 70 Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Asylbewerber gezählt. Das seien 2,3 Millionen Menschen mehr als ein Jahr zuvor, sagte der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, Filippo Grandi, am Mittwoch in Berlin. Damit habe sich die Zahl in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt.

In Deutschland dagegen ging die Zahl neuer Asylanträge deutlich zurück, stellt der neue UN-Flüchtlingsbericht „Global Trends“ fest. 2018 suchten hierzulande 161.900 Menschen Schutz vor Krieg und Verfolgung, 2016 waren es 722.400 gewesen. Die größte Gruppe der Asylsuchenden sind nach wie vor Syrer. An zweiter Stelle folgen Iraker und an dritter Stelle Menschen aus dem Iran, gefolgt von Menschen aus Nigeria, Türkei, Eritrea und Somalia. Die Zahl der afghanischen Asylbewerber sank innerhalb von zwei Jahren von 127.000 auf 9.900 im vergangenen Jahr.

91 Prozent der Flüchtlinge weltweit leben nicht in der EU

Insgesamt gab es in Deutschland zum Jahreswechsel 1.063.800 anerkannte Flüchtlinge. Etwas mehr als die Hälfte, 532.100 Flüchtlinge, kamen aus Syrien, gefolgt vom Irak (136.500), Afghanistan (126.000), Eritrea (55.300), Iran (41.200), Türkei (24.000), Somalia (23.600), Serbien und Kosovo (9.200), Russland (8.100), Pakistan (7.500) und Nigeria (6.400).

Deutschland gehört als einziger westlicher Staat zu den zehn Ländern, die weltweit die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Für Anne Koch von der Forschungsgruppe „Globale Fragen“ des Berliner Thinktanks „Stiftung Wissenschaft und Politik“ ist es „eher eine Anomalie, dass Deutschland seit 2015 in diese Top-Zehn aufgestiegen ist“. In der Vergangenheit seien es immer die ärmeren Staaten und die Schwellenländer gewesen, die die Hauptlast von Flucht und Vertreibung trugen.

91 Prozent der Flüchtlinge leben nicht in der EU. Die öffentliche Wahrnehmung sei allerdings verzerrt, sagt Koch. Im Westen werde häufig angenommen, dass der Westen die Hauptlast trage. Natürlich sei es für jedes Land eine Herausforderung, wenn hunderttausend Flüchtlinge kommen, sagt Koch. „Wir müssen diese Zahlen aber stets ins Verhältnis zum Gesamtvolumen setzen“, erläutert Koch. Der im vergangenen Jahr von der Mehrheit der UN-Mitglieder verabschiedete Globale Flüchtlingspakt ziele darauf, die Verantwortung künftig gerechter zu teilen.

UNHCR: Jeder zweite Flüchtling ist ein Kind unter 18 Jahren

Die größte Gruppe der Geflüchteten sind sowieso Binnenvertriebene, also Menschen, die innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht sind. 2018 waren das 41,3 Millionen Frauen, Männer und Kinder. Laut UNHCR ist jeder zweite Flüchtling ein Kind unter 18 Jahren. 111.000 davon sind von ihren Eltern getrennt. Allein das ostafrikanische Uganda meldet 2.800 Kinder, die jünger als sechs Jahre und von ihren Altern getrennt sind.

25,9 Millionen Menschen flohen im vergangenen Jahr vor Krieg und Verfolgung. Das ist ein Plus von 500.000 im Vergleich zum Vorjahr. In der Zahl enthalten sind 5,5 Millionen palästinensische Flüchtlinge unter dem Mandat des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina‑Flüchtlinge (UNRWA). Zu der Zahl der Geflüchteten kommen noch 3,5 Millionen Asylsuchende hinzu, bei denen die Entscheidung über ihr Asylgesuch noch aussteht. Mit insgesamt 70,8 Millionen übersteigt die Zahl der Menschen auf der Flucht inzwischen die der Einwohner Frankreichs oder Großbritanniens deutlich.

UN-Kommissar Grandi: Sprache häufig „vergiftet“

Wenn es um Flüchtlinge und Migranten geht, sei die Sprache häufig „vergiftet“, sorgt sich der Hohe UN-Kommissar Grandi. Aber er sieht auch Licht zwischen all den Schatten: Es gebe „fantastische Beispiele von Großmut und Solidarität von Gemeinschaften, die selbst schon eine große Zahl von Flüchtlingen Schutz gewähren“. Zudem weist er auf „neue Akteure“ hin wie Einzelpersonen, Unternehmen und Entwicklungshilfeorganisationen, die den Geist des Globalen Flüchtlingspakts bereits lebten.

„Auf diesen positiven Beispielen müssen wir aufbauen und unsere Solidarität für die vielen Tausenden, die jeden Tag vertrieben werden, verdoppeln“, fügte Grandi hinzu. Die große Herausforderung für den UNHCR bestehe darin, in jeder Notsituation das Ziel zu verfolgen, allen Geflüchteten die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Das gelinge allerdings nur, wenn alle Länder zusammenarbeiten.

2018 konnten 593.800 Geflüchtete nach Hause zurückkehren; weitere 62.600 wurden Staatsbürger in jenem Land, in dem sie Schutz gefunden hatten. Sieben Prozent der Flüchtlinge – 92.400  Menschen – kamen per Härtefallaufnahme (Resettlement) in ein sicheres Aufnahmeland.

Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

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