Mit Martin Luther eng verbunden

Die Niederlande gelten als säkularster Staat des Westens. Trotzdem besuchen mehr Christen als in
Deutschland regelmäßig den Gottesdienst am Sonntag. Frommer aber sind sie nicht.

Wenn Axel Wicke am Sonntag predigt, dann hören regelmäßig 140 bis 150 Christen seine Worte. Die
beiden Kirchen seiner Gemeinde in Den Haag-West haben je rund 900 Mitglieder. Der Pfarrer, der
heute für die Protestantische Kirche der Niederlande (PKN) arbeitet, kennt auch ganz andere Zahlen.
Als er noch an der evangelischen Zionskirche in Berlin Seelsorge betrieb, kamen zum sonntäglichen
Gottesdienst gerademal 40 bis 50 Kirchgänger, obwohl seine Gemeinde (mit drei Kirchen) rund 8.000
Mitglieder zählte. Die Niederländer seien nicht frommer als die Deutschen, sagt Wicke. “Aber wenn
man in Holland Mitglied einer Kirche ist, dann geht man auch regelmäßig am Sonntag zur Kirche.”
Anders als im östlichen Nachbarland, wo eher ein “Kulturchristentum” gepflegt werde – Anlässe für
den Kirchgang sind Weihnachten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, nicht aber die Sonntage.

„Luther gehört zum Calvinismus”
In dieser Woche beschäftigen sich alle niederländischen Protestanten nicht nur in Den Haag mit dem
500. Jubiläum der Reformation Martin Luthers. In der Mehrzahl hängen sie einem
calvinistischen/reformierten Bekenntnis an. Es gibt Beiträge in den Medien, Luther-Liederabende, es werden Filme gezeigt und anschließend diskutiert. “Luther gehört zum Calvinismus. Das ist für
Niederländer selbstverständlich”, sagt Herman Johan Selderhuis, Professor an der Theologischen
Universität der Christlich-Reformierten Kirchen in den Niederlanden zu Apeldoorn. Johannes Calvin
(1509 bis 1564) habe zwar Luther niemals persönlich getroffen, aber viel von dessen theologischer
Lehre übernommen und auf dieser Grundlage eine Kirchstruktur gebaut. “Calvin war Luthers bester
Schüler”, schrieb bereits Karl Holl, einer der bedeutendsten deutsche Kirchenhistoriker des
vergangenen Jahrhunderts. Calvin sei für den Kopf und Luther für das Herz, sagt Selderhuis. “Wir
brauchen beide. Wenn das Herz nicht geht, ist es mit dem Kopf auch bald zu Ende.”

Calvin war Luthers bester Schüler, sagt Karl Holl, Kirchenhistoriker
Manche strengen Regeln des Calvinismus sind ins Kulturgut unserer Nachbarn übergegangen.
Beispielsweise Strophen ihrer Nationalhymne,  “eigentlich eine calvinistische Hymne”, sagt
Selderhuis. Oder die gardinenlosen Fenster. Bis ins 19. Jahrhundert waren Gardinen vielerorts
verpönt, damit der Pfarrer, wenn er durchs Dorf ging, als moralischer Zuchtmeister der Kirche “stets
sehen konnte, dass alle brav die Hände auf der Tischdecke hatten”, berichtet Wicke. Noch heute gibt
es Christen, die sich strikt an die strengen Weisungen des frühen Calvinismus halten. Sie leben vor
allem im niederländischen Bibelgürtel, der sich von Zeeland im Südwesten bis zum Ijsselmeer im
Norden erstreckt. Sie gehören zur “Zwartekousenkerk”, der “Schwarzstrümpflerkirche”. Denn ihre
Frauen müssen Hüte und schwarze Strümpfe tragen, wenn sie am Sonntag zur Kirche gehen. Diese
Bibeltreuen sind Anhänger der SGP, der sogenannten Schwarzstrümpfler-Partei, die Frauen von
politischen Ämtern ausschließt und dennoch mit Abgeordneten im nationalen Parlament vertreten
ist.  Aber die Fundamentalisten sind in den liberalen Niederlanden eine sehr kleine Minderheit.

Auch Luther kann Business sein
Auch wenn es für die niederländischen Calvinisten selbstverständlich ist, dass Luther die Grundlagen
für ihre Glaubensbekenntnis gelegt hat, so vereinnahmen viele deutsche Protestanten doch Luther
gern für sich allein. Der Theologe Selderhuis hat eine Lutherbiografie geschrieben. Inzwischen ist
bereits die vierte Auflage erschienen. Sie wurde ins Englische, Indonesische und Koreanische
übersetzt. Ein deutscher Verlag lehnte eine Lizenzübernahme ab, weil es doch eigentlich undenkbar
sei, dass ein Calvinist tiefgründig über Luther schreiben könne. Selderhuis kann über solche
Entscheidungen herzlich lachen, genauso darüber, dass ihn deutsche Kollegen sofort als Calvinisten
outen, wenn er sich bei einer Tagung zum Mittagessen ein Wasser bestellt. Dann fühlt er sich
manchmal genötigt, stattdessen ein Glas Wein zu nehmen, damit alle wissen “auch Calvinisten
trinken Alkohol – allerdings nicht am Mittag, sondern eher zum Ausklang eines schönen Tages.”

Pfarrer Axel Wicke war im Mai mit Gemeindemitgliedern zum Kirchtag in Berlin. Sie haben sich
darüber gefreut, wie aufwändig die Deutschen das Lutherjahr feiern. Aber sie haben auch ein wenig
gelächelt über all die Luther-Gadgets, wie Socken, Sonnenbrillen oder T-Shirts mit dem Konterfei des
Reformators. Doch Niederländer sind pragmatisch und verstehen: Auch Luther kann Business sein.
Von Heldenverehrung allerdings halten die Niederländer wenig. “Luther und Calvin waren auch nur
Menschen”, sagt Selderhuis. “Wir können von ihnen lernen – manchmal auch, wie wir es nicht
machen sollten.”

Faktenbox Calvin

Johannes Calvin:
Johannes Calvin lebte von 1509 bis 1564 und war 20 Jahre jünger als Luther. In ihren Lehren gebe es
nur “wenige Unterschiede”, sagt Herman Johan Selderhuis, Theologieprofessor an der Theologischen
Universität zu Apeldoorn. In Calvins Hauptwerk “Institutio Christianae Religionis” wimmele es nur so
von Lutherzitaten. Schon zu Luthers Lebzeiten habe es in keinem Land mehr Lutherübersetzungen als
in den Niederlanden gegeben. Die Lutheranhänger aber wurden von den katholisch-spanischen
Besatzern verfolgt. Viele wurden hingerichtet und ihre Bücher verbrannt. Dennoch verwehrte Luther
ihnen ein Widerstandsrecht. Der Calvinismus gesteht dagegen ein solches Recht dem Menschen zu.
Erst als sich Willem van Oranje (1533 bis 1584) von den Spaniern und ihrer Kirche lossagte und zum
Calvinismus übertrat, wurde ein Teil der Niederländer frei.

Christen in den Niederlanden:
Die Protestantse Kerk in Nederland (Protestantische Kirche in den Niederlanden) ist die 2004
gegründete Union der gemäßigt-calvinistischen, der streng-calvinistischen und der lutherischen
Kirche. Ihr Hauptsitz ist in Utrecht. Mit rund 1,8 Millionen Mitgliedern (rund elf Prozent der
Bevölkerung) ist sie die zweitgrößte Kirche der Niederlande. Die größte Kirche ist die katholische, ihr
gehören etwa ein Viertel der Holländer an.

Prädestinationslehre:
Johannes Calvin lehrte, – wie andere Theologen auch – dass Gott das Schicksal der Menschen schon
vor ihrer Geburt festlege. Die einen seien für den Himmel, die anderen für die Hölle bestimmt. Die
Menschen selbst wüssten von der Entscheidung Gottes allerdings nichts. So müssten alle stets
gottgefällig leben, damit sie, falls sie ein Ticket in den Himmel haben, es nicht verwirken. Für das
praktische Christsein habe diese Lehre kaum eine Rolle gespielt, sagt der Theologe Herman Johan
Selderhuis. Calvin selbst habe gesagt, sie sei für den Vorlesungssaal, aber nicht für Kanzel bestimmt.

 

Texte von Katharina Sperber. Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

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