Gefährliche Selbstzufriedenheit beim Thema Aids

Aids ist aus dem öffentlichen Fokus verschwunden. Das ist gefährlich: Zwar gibt es Behandlungs-Erfolge, aber es besteht auch die Gefahr, dass sie aufgrund von Selbstzufriedenheit zunichte gemacht werden könnten.

Zum Auftakt des heute beginnenden Welt-Aids-Kongresses in Amsterdam hat Michel Sidibé die Alarmglocken läuten lassen. In 50 Ländern steige die Zahl der HIV-Neuinfektionen, warnte der Chef von Unaids, einen Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids. Damit sei das UN-Ziel in Gefahr, die Welt bis 2030 von der Geißel HIV/Aids zu befreien.

Aber es gibt nicht nur den Notruf, es gibt auch gute Nachrichten im Unaids-Bericht: Insgesamt ist die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen sieben Jahren gesunken. Die Zahl der Todesfälle ging von 2010 bis 2017 sogar um 34 Prozent zurück und erreichte 2017 mit weniger als einer Million Menschen sogar den niedrigsten Stand in diesem Jahrhundert.

Wie geht das zusammen? „Die Eindämmung der HIV-Pandemie seit Anfang der 2000er Jahre ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte“, sagt Dieter Wenderlein von der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio. Die Nichtregierungsorganisation betreut durch ihr „Dream“-Programm derzeit rund 83.000 Menschen in 47 HIV-Behandlungszentren in elf afrikanischen Ländern. „Wir haben viel erreicht, aber wir dürfen jetzt nicht stehen bleiben und uns zurücklehnen“, sagt er. „Wenn wir zurückfallen, wäre das schlimm.“

Wo liegen die Probleme? „Wir müssen schnell sicherstellen, dass Menschen, die noch keinen Zugang zu einer Behandlung haben, diesen bekommen, damit die Zahl der Neuinfektionen sinkt“, sagt Wenderlein. Dazu müssen die Menschen aber erstmal wissen, dass sie den HI-Virus in sich tragen. Tests scheitern oft an den weiten Entfernungen zu Gesundheitseinrichtungen auf dem Land im südlichen und östlichen Afrika.

In den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa sind es nicht nur die geografischen Gegebenheiten, die Tests verhindern, sondern die – häufig sogar durch Gesetze manifestierte – Diskriminierung von Homosexualität und Suchtverhalten. Wer Angst haben muss, dass er wegen seiner sexuellen Orientierung strafrechtlich verfolgt werden könnte, wird sich einem Test wahrscheinlich entziehen.

Präventive Impfung könnte helfen

Dabei ist eine gute medizinische und medikamentöse Versorgung inzwischen ein sehr guter Schutz, andere Menschen mit dem Virus anzustecken, aber auch eine Chance, die Lebensqualität des Infizierten zu verbessern. Die Diagnose Aids muss heute kein Todesurteil mehr sein, wenn die medizinische Versorgung sichergestellt ist. Die Lebensspanne eines HIV-Positiven gleicht heute der eines HIV-Negativen – falls der Aidskranke behandelt wird. Daran hapert es allerdings noch oft.

Können Patienten nicht über viele Jahre betreut und untersucht werden, besteht die Gefahr, dass sich Resistenzen entwickeln, wenn die Tabletten nicht dauerhaft regelmäßig eingenommen werden. Im südlichen Afrika sind inzwischen zehn Prozent der HIV-Stämme gegen Medikamente resistent. Das ist eine Katastrophe, sagen Experten.

Helfen könnte dagegen eine präventive Impfung, weil sie nachhaltiger in ihrer Wirkung sei, ohne Nebenwirkungen beispielsweise auf die Funktion der Nieren und preiswerter als jede Behandlung, sagt Hendrik Streeck. Er leitet Deutschlands erstes Institut für HIV-Forschung am Universitätsklinikum Duisburg-Essen und forscht selbst an einem Impfstoff. Seit 30 Jahren ist die Wissenschaft auf der Suche nach einem Serum. Bislang ohne Erfolg. Das liege daran, dass es sehr verschiedene Subtypen des HI-Virus gebe, sagt Streeck. Vergleichbar mit Grippeviren, die hierzulande in jedem Herbst mit einem neuen Impfstoff in Schach gehalten werden soll. Beim HI-Virus komme noch hinzu, dass sich sein Oberflächenmolekül „ständig verändere“, sagt Streeck.

Finanzierung: Eine Lücke von 20 Prozent

Dennoch: Zwei Impfstoffe werden derzeit in Südafrika getestet. Wissenschaftliche Ergebnisse dieser Tests werden 2023  erwartet. Ob sie allerdings Marktreife erreichen werden, kann heute noch niemand sagen. Denn bislang ist es nicht gelungen, eine nachhaltige Wirksamkeit der Seren sicherzustellen. Die Effektivität des Schutzes sank stets rapide.

Auch Wenderlein von Sant’Egidio würde sich wie alle Wissenschaftler und Praktiker vor Ort sehr freuen, wenn es einen Impfstoff gebe. „Aber wir haben auch heute schon die Lösung der Hand“, sagt er. „Die Aidsbehandlung ist die beste Prävention.“ Seine NGO habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit sogenannten Aktivistinnen, sagt Wenderlein. Unter ihnen sind viele HIV-positive Mütter, bei denen mit Medikamenten verhindert werden konnte, dass sie die Immunschwäche auf ihre Kinder übertragen. „Unser Programm ist durch die Aktivistinnen afrikanisch geworden“, sagt er. Nur durch direkte Vermittlung vor Ort und in vielen kleinen Gesundheitszentren lasse sich die Pandemie wirklich einschränken. Dafür müsste aber auch die Finanzierung sichergestellt werden.

Nach Schätzungen von Unaids werden bis 2020 weltweit mehr als 26 Milliarden US-Dollar zur Aidsbekämpfung benötigt. Zwischen dem, was vorhanden sei und dem was gebraucht werde, klaffe ein Loch von 20 Prozent, sagt Unaids-Chef Sidibé.

Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

Zahlen und Fakten:

Aids weltweit

2017 lebten weltweit rund 37 Millionen Menschen, die sich mit dem HI-Virus infiziert hatten. Rund 22 Millionen von ihnen waren in medizinischer Behandlung; 2,3 Millionen mehr als im Jahr zuvor. Allerdings hatten sich auch 1,8 Millionen Menschen neu mit dem Virus angesteckt. 940.000 Menschen starben an AIDS-bedingten Krankheiten. Das war die niedrigste Todesrate in diesem Jahrhundert.

Besondere Krisengebiete

Mit rund 25 Millionen Menschen leben die meisten HIV-Infizierten in Afrika. Nigeria hat mehr als die Hälfte der HIV-Belastung in der Region, und in den letzten Jahren wurden bei der Reduzierung neuer HIV-Infektionen kaum Fortschritte erzielt. Nur 26 Prozent der Kinder und 41 Prozent der Erwachsenen, die mit HIV leben, hatten 2017 Zugang zu Behandlung in West- und Zentralafrika, verglichen mit 59 Prozent der Kinder und 66 Prozent der Erwachsenen in Ost- und Südafrika. Seit 2010 sind die AIDS-bedingten Todesfälle in West- und Zentralafrika um 24 Prozent zurückgegangen, verglichen mit einem Rückgang von 42 Prozent in Ost- und Südafrika. In Asien sind rund fünf Millionen Menschen HIV-positiv, in Mitteleuropa und Nordamerika rund zwei Millionen, in Südamerika 1,8 Millionen, in Osteuropa und Zentralasien 1,6 Millionen.  

Neuinfektionen

47 Prozent aller Neuinfektionen gibt es in den sogenannten Risikogruppen. Zu ihnen zählen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, Schwule, Drogenabhängige und in Afrika vor allem ganz junge Frauen. Ist Osteuropa und Zentralasien ist die Zahl der Neuinfizierten seit 2010 um 30 Prozent gewachsen; 70 Prozent von ihnen leben in Russland. Unaids, das Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Aids und HIV, rügt, dass die Risikogruppen häufig diskriminiert und von HIV-Programm ausgenommen würden. In 19 Ländern vermeide jeder fünfte HIV-Infizierte den Besuch einer Gesundheitseinrichtung aus Angst vor Stigmatisierung. Das Risiko, sich zu infizieren, ist für Männer, die mit Männern Sex haben, 27 Mal höher als für Menschen, die keiner Risikogruppe angehören; für injizierende Drogenkonsumenten 23 Mal höher und für weibliche Sexarbeiterinnen 13 Mal höher.

Kinder und Aids

Unaids beklagt, dass die neuen HIV-Infektionen bei Kindern in den letzten zwei Jahren nur um acht Prozent zurückgegangen sei. Nur die Hälfte aller HIV-infizierten Kinder wird behandelt. 110.000 Kinder starben 2017 an AIDS-bedingten Krankheiten. 80 Prozent der HIV-infizierte Frauen hatten 2017 Zugang zu Medikamenten, die die Übertragung von HIV auf ihr Kind verhindern. Dennoch erkrankten 180.000 Kinder während der Geburt oder des Stillens an HIV. Das ist weitentfernt vom Ziel der UN, die die Zahl der Neuinfektionen bei Kindern bis Ende 2018 von weniger als 40.000 erreichen möchten.

Situation in Deutschland

In Deutschland infizieren sich laut Deutscher Aids-Hilfe pro Jahr rund 3.100 Menschen mit HIV – im internationalen Vergleich wenige Menschen. Die Zahl könnte weiter verringert werden durch die  Finanzierung der HIV-Prophylaxe PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe) durch die Krankenkassen, die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere, die Einrichtung von Drogenkonsumräumen in allen Bundesländern und die Versorgung von Menschen in Haft mit sauberen Spritzen und Konsumutensilien. Mehr als 1.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Aids oder einem schweren Immundefekt, weil sie nicht wissen, dass sie HIV positiv sind.

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