„Es ist ein Wunder, dass die Nato noch besteht“

Die Konzepte des Militärbündnisses Nato haben sich vielfach verändert. Dem Zusammenhalt hat es nicht geschadet. Gründe dafür erläutert die Sicherheitsexpertin Nicole Deitelhoff.

heute.de: Der Nordatlantikvertrag als Gründungsurkunde der Nato ist seit 1949 in seinem Wortlaut unverändert. Haben sich die Aufgaben des Militärbündnisses seit 70 Jahren nicht geändert?

Nicole Deitelhoff: Verträge sind keine starren Korsette für die Ewigkeit, sie ändern sich über die Zeit und mit der politischen Lage. Wir sehen in der Geschichte der Nato vier verschiedene Phasen. Am Anfang war sie eine lose Sicherheitsorganisation mit verschiedenen Kommandostrukturen für vier Weltregionen. Für die Verteidigung Osteuropas beispielsweise sollte Europa allein verantwortlich sein. Im Koreakrieg 1950 bis 1953 wurde die wachsende Konfrontation zwischen West und Ost allerdings überdeutlich.

Nicole Deitelhoff (Foto: HSFK/Uwe Dettmar)
Nicole Deitelhoff (Foto: HSFK/Uwe Dettmar)

Das war der Anlass, das klassische kollektive Verteidigungsbündnis zu schaffen, um sich gegen eine mögliche Aggression der Sowjetunion zu schützen – mit einem Oberbefehlshaber, der in Personalunion auch Oberbefehlshaber der US-Truppen in Europa war. Aber die Nato beschränkte sich nie nur auf das Militärische. Sie fördert bis heute auch Demokratie und liberale Freiheitswerte bei ihren Mitgliedern und in ihren Operationsgebieten.

heute.de: Wie veränderte sich die Nato nach dem Kalten Krieg?

Deitelhoff: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks wurde die Nato ein flexibleres Bündnis, in dem verschiedene Partner unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen konnten. Es wurden Sicherheitsaufgaben definiert und in unterschiedlichen Mitgliedskoalitionen umgesetzt. Sicherheit war nicht mehr auf die Landesverteidigung des Bündnisgebiets beschränkt, sondern erstreckte sich auch auf Konflikte und Gefährdungen außerhalb des Bündnisraums.

heute.de: Gingen diese Out-of-Area-Einsätze und Out-of-Defence-Einsätze nicht weit über den ursprünglichen Auftrag hinaus?

Deitelhoff: Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde immer wieder gefragt, ob wir die Nato überhaupt noch brauchen, denn der gemeinsame Feind war mit dem Zusammenbruch des Ostblocks ja weg.

Die Nato hat sich aber nie allein als funktionales Verteidigungsbündnis verstanden, sondern zunehmend auch als Sicherheitsgemeinschaft, die global denkt und von ähnlichen Werten und Vorstellungen getragen ist. Das ist die Voraussetzung, unter der man sich neuen Aufgaben stellen wollte.

heute.de: Welche?

Deitelhoff: In den 1990er Jahren war das zum Beispiel die Abstützung von Demokratisierungsprozessen im östlichen Europa. Das ging ganz klar über die kollektive Verteidigung der Bündnismitglieder hinaus. Es war aber eine logische Erweiterung der Gründungsidee. Mit der Unterstützung von Demokratisierungsprozessen in Europa und der Welt sollten Grundlagen für Frieden und Stabilität geschaffen werden, um den Bündnisfall schon im Vorfeld zu vermeiden.

heute.de: Waren sich alle Bündnispartner einig?

Deitelhoff: Es ist ein Wunder, dass die Nato immer noch besteht. Die geostrategischen Projektionen der Bündnispartner waren selten deckungsgleich, auch schon vor dem Ende des Kalten Kriegs. Es gab immer große Spannungen. Das hatte 1966 sogar zum vorübergehenden Austritt Frankreichs aus der militärischen Struktur der Nato geführt, weil Paris eigene Vorstellungen von der Organisation der Verteidigung hatte. Seit 2009 ist Frankreich wieder Vollmitglied. Die Nato ist eine erstaunlich stabile Organisation und das verbindende transatlantische Element zwischen Nordamerika und Europa.  

heute.de: Was ist der starke Kitt?

Deitelhoff: Die Entwicklung gemeinsamer Werte und Ideen und die Vorstellung, eine schlagkräftige Organisation zu haben. In den vergangenen zehn Jahren hat sicher auch die Angst der Osteuropäer und des Baltikums vor einer russischen Aggression das Bündnis trotz aller widerstrebenden Interessen zusammengeschweißt.

heute.de: Das aber schadete den Annäherungsversuchen von Nato und Russland. 2002 wurde der Nato-Russland-Rat gegründet. Aber schon 2010 trat die gegenseitige Feindschaft wieder offen zutage.

Deitelhoff: Tja, es wurden sicher auch Fehler in der Neuausrichtung der Nato nach Ende des Kalten Krieges gemacht. Bei der Osterweiterung hat sich die Nato teilweise zu schnell über russische Sicherheitsbedenken hinweggesetzt. Da hätte man sich mehr Zeit für Gespräche nehmen sollen. Zugleich gibt es auch eine zunehmend aggressive russische Außenpolitik, die sich nicht allein damit erklären lässt. Im Ergebnis steht die kollektive Landesverteidigung wieder viel stärker im Fokus als in den vergangenen 30 Jahren.

heute.de: Auf der Suche nach neuen Aufgaben, hatte sich die Nato Ende der 1960er Jahre auch den Umweltschutz auf die Fahne geschrieben. Was ist aus dieser Idee geworden?

Deitelhoff: Es ging dabei weniger um neue Aufgaben, als um neue Bedrohungen für die Sicherheit. Die Nato hat immer aktuelle Diskussionen über die Erweiterung des Sicherheitsverständnisses aufgenommen. In den 1970er Jahren wurde Umweltzerstörung als Risiko eingeschätzt, später waren es dann ethnische Konflikte, heute Terrorismus. Aber diese Themen werden immer relativ eng in Verbindung mit dem militärischen Auftrag des Bündnisses diskutiert. Jedenfalls ist die Nato nicht zu einer Umweltschutzorganisation geworden.

heute.de: Welche Rolle hat die Nato für das geteilte Deutschland gespielt?

Deitelhoff: Der Beitritt zur Nato war 1955 für Westdeutschland unter Kanzler Konrad Adenauer ein strategisch bedeutsamer Schritt, denn damit konnte die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg ihre politische Souveränität wiedererlangen. Damit wurde aber auch die Teilung Deutschlands zementiert in einen Ostteil unter Vorherrschaft der Sowjetunion und in einen Westteil, der ins westliche Bündnis integriert war.

Damit war eine Wiedervereinigung erst mal vom Tisch. Deutschland wurde zentrales Aufmarschgebiet und auf deutschem Boden gab es zwei Frontstaaten. Später war die Nato aber auch hilfreich für die gegenseitige Annäherung der beiden Teile Deutschlands, denn die Ostpolitik der Bundesrepublik war für die Europäer nur akzeptabel, solange die Westbindung nicht infrage gestellt wurde.

heute.de: Welche Rolle hat die Nato bei der deutschen Wiedervereinigung gespielt?

Deitelhoff: Eine ganz zentrale. Mit den Zwei-plus-Vier-Verträgen wurde die volle Souveränität des vereinten Deutschlands wiederhergestellt. Ohne Nato-Mitgliedschaft wäre das für die europäischen Partner nicht denkbar gewesen.

Das Interview führte Katharina Sperber. Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.