BIP: „Wertschöpfung irgendwo im Orbit“

Gemessen wird Wohlstand am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Aber das funktioniert zunehmend schlechter, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar. Was fehlt dem BIP?

Thomas Straubhaar
Thomas Straubhaar ist Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Universität Hamburg. Bis 2014 leitete er das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Quelle: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

heute.de: Sie glauben, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht mehr das rechte Maß für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft ist. Warum?

Thomas Straubhaar: Die Messung wurde schon immer kritisiert, weil viele wirtschaftlich relevante Aktivitäten im BIP nicht oder irreführend enthalten sind.

heute.de: Welche beispielsweise?

Straubhaar: Wenn jemand einen Verkehrsunfall hat, wirkt sich das heute positiv auf das BIP aus. Weil der Unglückliche ein neues Auto kaufen und vielleicht noch andere Schäden beheben muss. Aber man kann wirklich nicht sagen, dass durch die Zunahme an Verkehrsunfällen die Lebensqualität der Menschen steigt. Ein anderes Beispiel: Wenn ein alter Mensch zu Hause von seinen Angehörigen gepflegt wird, hat das keinen Effekt für das BIP. Ist er aber in Obhut professioneller Pflegekräfte im Heim, wirkt sich das positiv auf das BIP aus. Unerheblich für das BIP sind auch Nachbarschaftshilfe, häusliche Kindererziehung oder Schwarzarbeit. Behelfsberechnungen zeigen, dass all diese Faktoren die Wirtschaftsleistung stark beeinflussen. Sie können das BIP um bis zu zehn Prozent verändern. Das wissen wir allerdings nur von Schätzungen und Berechnungen. Gemessen wird es nicht. Und inzwischen haben wir noch mehr Probleme.

heute.de: Welche?

Straubhaar: Die Wertschöpfung der Datenwirtschaft wird derzeit im BIP nur unzureichend abgebildet und nimmt doch einen immer größer werdenden Raum in unserer Wirtschaft ein. Viele Bürgerinnen und Bürger stellen ihre Daten über Kundenkarten oder soziale Medien kostenlos Anbietern zur Verfügung, die damit entweder Güter oder Dienstleistungen produzieren, für die die Bürger dann wiederum wenig oder gar nichts zahlen. Ein Beispiel ist das Wikipedia-Online-Lexikon. Dafür wird nur gespendet, aber nicht gezahlt. Damit gibt es auch keine messbare Wertschöpfung, die ins BIP einfließt. Auf der anderen Seite kauft heute keiner mehr ein zehnbändiges Brockhaus-Lexikon für tausend Euro. Das wiederum drückt das BIP.

heute.de: Wiegen wir uns also in einer trügerischen Sicherheit?

Straubhaar: Viele meiner Kollegen fürchten eine anhaltende Verlangsamung der ökonomischen Leistungsfähigkeit entwickelter Volkswirtschaften. Sie nennen das säkulare Stagnation. Das war für mich der Anlass, die jetzigen Messmethoden zu hinterfragen. Ich glaube, dass wir in der Tendenz die wirtschaftliche Entwicklung und den technologischen Fortschritt unterschätzen. Dass wir Messprobleme und nicht Stagnation haben. Es geht mit der Wirtschaft möglicherweise viel schneller und besser voran als wir heute messen. Der technologische Fortschritt geht ungebrochen weiter.

heute.de: Deswegen plädieren Sie für neue Messmethoden. Aber kann und soll man in einer globalisierten und digitalisierten Welt überhaupt noch ein Bruttoinlandsprodukt aufrufen?

Straubhaar: Bislang erfassen wir das BIP nach zeitlich und geografisch abgrenzbaren Kriterien, also beispielsweise für Deutschland innerhalb der deutschen Landesgrenzen. Aber heute kann die Wertschöpfung gar nicht mehr innerhalb geografischer Grenzen festgemacht werden. Wir bestellen ein Produkt bei einem US-Onlinehändler, der es vielleicht in Lateinamerika oder Südostasien herstellen lässt und dann elektronisch nach Europa liefert – beispielsweise Software oder Computerspiele. Unsere Daten sind heute meist irgendwo im Orbit in Datenclouds. Dort realisiert sich die Wertschöpfung. Es heißt ja auch World Wide Web und nicht Local Web.

heute.de: Der Bundestag hatte bereits 2010 eine Enquete-Kommission eingerichtet, die nach neuen Maßstäben suchen sollte. Sie legte 2013 einen Abschlussbericht vor. Daraus folgte – nichts. Sind die Vorschläge fünf Jahre später überhaupt noch up-to-date?

Straubhaar: Der Enquete-Kommission ging es mehr darum, die rein ökonomische Sicht des BIP um andere Aspekte wie Verteilung oder ökologische Nachhaltigkeit zu erweitern. Weil das BIP, so wie es heute gemessen wird, zu wenig aussagt über Lebensqualität, Glück und Zufriedenheit der Menschen. Das Thema Digitalisierung hat 2010 allerding nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Inzwischen sind der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und die nationalen statistischen Ämter auf der Suche nach neuen Messkriterien, ganz besonders aber die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

heute.de: Wie sollte eine neue Messung aussehen?

Straubhaar: Ehe wir das definieren können, müssen wir viel besser verstehen lernen, was die digitale Wirtschaft für die Wertschöpfung bedeutet. Wir müssen eine Verbindung finden von reiner Datenmenge zu Datenqualität. Wir müssen statistische Maßzahlen definieren, die die Wertschöpfung der Digitalisierung abbilden.

heute.de: Wie lange wird es dauern, bis wir ein neues Mess-System haben werden?

Straubhaar: Das wird noch eine ganze Weile dauern. In der Suche nach Erkenntnis stehen wir erst  am Anfang.

Das Interview führte Katharina Sperber. Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

Das Bruttoinlandsprodukt:
Laut Statistischem Bundesamt ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Es misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen (Wertschöpfung), soweit diese nicht als Vorleistungen für die Produktion anderer Waren und Dienstleistungen verwendet werden. Seit Mitte der 1970er Jahre wird es alle Vierteljahre gemessen. Seine Geschichte beginnt bereits im 17. Jahrhundert. Mit dem BIP kann man die Wirtschaftsleistung der Staaten miteinander zu vergleichen.

Kritik am Bruttoinlandsprodukt:
Das Bruttoinlandsprodukt sagt nichts über den wirklichen Wohlstand der Menschen in einem Land aus, weil es beispielsweise nur Umweltschäden berücksichtigt, wenn sie in Rechnung gestellt werden. Es berücksichtigt kein Ehrenamt, keine Haus-, Familien- oder Schwarzarbeit. Das BIP eines Staates kann zudem künstlich aufgebläht sein, wie beispielsweise in Irland. Dort versteuern die großen international agierenden US-Digitalunternehmen alle in Europa erzielten Gewinne, weil Irland niedrige Steuersätze hat. Erzielt werden die Gewinne allerdings in ganz Europa.

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt:
Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist 2017, nach Angaben des Statistischen Bundesamts, um 2,2 Prozent gewachsen. Das war das stärkste Wachstum seit 2011. Im Jahr 2016 hatte das BIP bereits um 1,9 Prozent zugelegt. Experten verschiedener Banken prognostizieren für 2018 einen weiteren Anstieg des BIP – auf bis zu 2,4 Prozent. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.