„Biertrinken hilft dem Regenwald nicht“

Mit „Impact Investings“ wollen Anleger Renditen erzielen und Gutes tun. Thomas Gebauer, Geschäftsführer der NGO medico international, zweifelt an der Wirkung.

heute.de: Was ist dagegen einzuwenden, wenn die Stiftung des Autobauers BMW ein Unternehmen finanziert, das schadstoffarme Kochöfen für Afrika produziert?

Thomas Gebauer: Nichts spricht gegen die Mithilfe, viel aber dagegen, wenn sie dazu genutzt wird, um das ramponierte Image aufzubessern. Mit Blick auf die Verstrickung von BMW in den aktuellen Abgasskandal und den globalen Klimawandel sind solche Projekte ein Werbegag: Für uns die übermotorisierten Klimakiller und für die, die am meisten unter dem Klimawandel leiden, die schadstoffarmen Kochöfen.   

heute.de: China finanziert in afrikanischen Staaten riesige Infrastruktur-Projekte wie den Bau von Häfen, Eisenbahnlinien und Stromnetzen. Ihre Schulden zahlen die Länder mit Rohstoffen. So aber entwickelt sich kein nachhaltiges Wirtschaften, und die Menschen bleiben arm. Wäre es nicht besser, wenn sozial engagierte Anleger solche Projekte finanzierten?

Gebauer: Ja, das wäre nicht schlecht. Ich fürchte nur, dass es nicht viele Anleger gibt, die es mit sozialem Engagement ernst meinen. Auch Investoren aus Europa interessieren sich zuallererst für die Rendite. Wenn sie die durch Sozialbindungen geschmälert sehen, ist es schnell aus mit der behaupteten sozialen Unternehmensverantwortung. Der französische Mischkonzern Veolia, der in Kairo die Müllabfuhr betreibt, verklagte den ägyptischen Staat, weil er mit der Erhöhung des Mindestlohns die Gewinnerwartung geschmälert hatte.

Thomas Gebauer ist Geschäftsführer der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international. Aktuell erschien im Frankfurter Fischer-Verlag sein Buch: "Hilfe? Hilfe!". Gemeinsam mit dem Autor llija Trojanow zeigt er darin Wege aus der globalen Krise auf.
Bildquelle: medico

Thomas Gebauer ist Geschäftsführer der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international. Aktuell erschien im Frankfurter Fischer-Verlag sein Buch: „Hilfe? Hilfe!“. Gemeinsam mit dem Autor llija Trojanow zeigt er darin Wege aus der globalen Krise auf.
Bildquelle: medico

heute.de: Wie misst man überhaupt die soziale Rendite eines Investments?

Gebauer: Das ist die Frage. Soziale Entwicklung ist keine Ware, sozialer Wandel gelingt nicht von heute auf morgen. Es kann immer wieder Rückschläge geben. Wie wollen Sie das messen? Schnell und problemlos können Sie berechnen, wie viele Prothesen verteilt wurden. Aber was sagen Prothesen darüber aus, ob Menschen mit Behinderungen auch einen würdigen Platz in der Gesellschaft finden? In Afrika habe ich immer wieder Menschen getroffen, die sich nur mit Betteln über Wasser halten können, und das geht ohne Prothese besser.

heute.de: Viele „Impact“-Investoren orientieren sich an den 17 nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen. Eignen sie sich als Qualitätssicherung für „Impact Investings“?

Gebauer: Sie sind nicht schlecht. Schwieriger ist es mit ihrer Verwirklichung. Bildung, Gesundheit, die Sicherstellung von Frauenrechten – das sind öffentliche Aufgaben, die in den Ländern des Südens nur in öffentlicher  Verantwortung verwirklicht werden können. Konzerne wie Nestlé bekennen sich zum Menschenrecht auf Wasser, eines der UN-Entwicklungsziele. Gleichzeitig sorgt Nestlé mit seinen Geschäftspraktiken dafür, dass sich immer weniger Menschen Wasser leisten können.

heute.de: Wie?

Gebauer: Nestlé besorgt sich bei afrikanischen Regierungen die Rechte, Tiefwasser abschöpfen zu können. Das füllen sie in Flaschen und verkaufen es. Die traditionellen Brunnen aber fallen trocken, und die Menschen, die darauf angewiesen sind, sollen das Flaschenwasser kaufen. Aber dafür haben sie kein Geld.

„Impact Investings“ sind Investitionen in Unternehmen, Organisationen und Fonds mit dem Ziel, neben einer finanziellen Rendite positive soziale oder ökologische Wirkungen zu erzielen. Nach einer Bertelsmann-Studie lag das Volumen solcher Geldanlagen in Deutschland 2015 bei etwa 70 Millionen Euro. Ende 2016 sollen es weltweit 144 Milliarden US-Dollar gewesen sein.


heute.de: Wer kontrolliert das Geschäft mit den „Impact Investings“?

Gebauer: Kontrolle? Mir ist keine bekannt. Die vielen Freihandelsabkommen, die es gibt, kontrollieren nicht die sozialen Wirkungen von Unternehmen, sondern den Schutz der Investoren.  

heute.de: Betriebswirtschaftliche Kennziffern erleichtern die Kontrolle der eingesetzten Mittel. In Namibia werden von Deutschland gesponserte Kondome in großen Mengen gratis verteilt, um HIV einzudämmen. Sie werden aber, wenn überhaupt, nur von einer Minderheit benutzt. Sollte soziale Hilfe nicht auch effektiv und nachhaltig sein?

Gebauer: Selbstverständlich muss Hilfe mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln sorgsam umgehen. Das spricht aber nicht für eine zu enge, zu kleinteilige Wirkungsmessung, die sich nur an betriebswirtschaftlichen Kennziffern orientiert. Zu welchen Fehlschlüssen das führen kann, zeigt der „Charity Evaluator“, mit dem zwei ehemalige New Yorker Börsenanalysten alljährlich die effektivste Hilfsorganisation auswählen. Zuletzt ist es die „Malaria Foundation“ gewesen. Sie verteilt weltweit Moskitonetze und kann damit ein Leben für 2.700 US-Dollar retten. Was machen wir aber mit Menschen, deren Rettung mehr kostet? Für das Verbot von Landminen haben wir sechs Jahre gestritten. Im „Charity Evaluator“ wären wir immer durchgefallen.

heute.de: Was können Kleinanleger und Konsumenten dazu beitragen, die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern?

Gebauer: Sie können den eigenen Lebensstil ändern. Viel wäre mit einer Reduktion des Fleischkonsums getan. Derzeit nutzen wir zur Deckung unseres Nahrungsmittelbedarfs fünf Millionen Hektar Agrarfläche im Ausland und tragen zum Hunger in der Welt bei.

heute.de: Ist es sinnvoll, wenn wir Produkte kaufen, deren Hersteller damit werben, dass ein Teil des Verkaufspreises in afrikanische Projekte investiert wird?

Gebauer: Schauen Sie genau hin, ob das stimmt. Biertrinken zur Rettung des Regenwaldes funktioniert nicht. Um das Aluminium der Bierdosen produzieren zu können, ist in Brasilien ein Vielfaches an Regenwald zerstört worden, als in Afrika wiederaufgeforstet werden konnte. Bei fair gehandeltem Kaffee und Produkten, die man in Weltläden kaufen kann, sieht das ganz anders aus.

Das Interview führte Katharina Sperber. Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

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