Afrikas Landwirtschaft muss die Fehler Europas überspringen

Während Europa mit der Flüchtlingsfrage ringt, machen Wissenschaftler Vorschläge, wie Fluchtursachen in Afrika beseitigt werden können.

Die internationale Entwicklungszusammenarbeit mit den Ländern südlich der Sahara kann Erfolge vorweisen: Das Trinkwasser ist in vielen Regionen sauberer geworden, Impfkampagnen haben Krankheiten reduziert. Die Sterblichkeit ist deutlich gesunken. Gleichzeitig aber wächst die Bevölkerung dramatisch schnell. „Damit“, sagt Sabine Sütterlin, „wird häufig jedes Wirtschaftswachstum aufgezehrt“. Sütterlin ist Wissenschaftlerin am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und eine der Autorinnen der soeben veröffentlichten Studie „Nahrung, Jobs und Nachhaltigkeit“.

Vorschläge, nicht aus dem Elfenbeinturm

Afrikanische Farmer können – anders als noch bis in die 1960er Jahre – die wachsende Bevölkerung vor Ort nicht mehr ernähren. Viele afrikanische Staaten sind heute sogar Nahrungsmittel-Netto-Importeure. Das soll, ja muss sich ändern, sagen nicht nur die Forscher vom Berlin-Institut. Sie unterstützen vor allem Vorschläge, die nicht im Elfenbeinturm ersonnen wurden, sondern in Afrika selbst gedacht und getestet werden.

Die Voraussetzungen, der Unterversorgung in den Subsahara-Ländern ein Ende zu setzen, sind gut. Afrika verfügt über ein Viertel der Flächen weltweit, die sich für Ackerbau und Viehzucht eignen. Die klimatischen Bedingungen erlauben mehrere Ernten im Jahr. Eine große Zahl junger Arbeitskräfte wartet nur darauf, beschäftigt zu werden. Stehen sie in Lohn und Brot, verzichten womöglich viele auf  die gefährlichen Reisen quer durch den Kontinent und über das Mittelmeer, um sich in Europa eine Lebensperspektive zu eröffnen. „Afrika muss auf die Überholspur“, sagt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts und Mitautor der Studie.

Kein Geld für Technik und Infrastruktur

Allerdings gibt es einige Hürden zu überwinden. 80 Prozent der bäuerlichen Betriebe sind kleine Familienhöfe. Sie wirtschaften wenig effizient, weil es ihnen an Zugang zu Know-how, Kapital und gesicherten Landrechten mangelt. Klimawandel und politische sowie kriegerisch ausgetragene Konflikte verschlechtern die Lage darüber hinaus. Die kleinen Farmen erzielen meist keine Überschüsse, die sie auf lokalen oder internationalen Märkten anbieten könnten. Somit produzieren sie zwar Lebensmittel für ihre Familien, verdienen aber kein Geld,  mit dem sie sich moderne Technik, gutes Saatgut oder Dünger kaufen oder langfristige Kredite finanzieren könnten.

Ähnlich sieht es in der Viehwirtschaft aus: Häufig sind es nomadische Hirten, die ihre Herden auf Grasland weiden lassen. Sobald das Grün abgefressen ist, ziehen sie mit ihren Tieren weiter. Sie unternehmen wenig, um Milch und Fleisch zu vermarkten, weil sie über keine Infrastruktur für Schlachtung, Kühlung, Transport und Verarbeitung verfügen.

Dennoch fordert die Denkfabrik „African Center for Economic Transformation“ (ACET), dass „innerhalb einer Generation“ ein moderner, wettbewerbsfähiger und ökologisch nachhaltiger Agrarsektor in Afrika geschaffen werden müsse. Dieser soll „die Ernährung der Bevölkerung sichern, einer wachsenden Zahl von Bauern zu einer mittelständischen Lebensweise verhelfen und die wirtschaftliche Transformation Afrikas antreiben“. Wie kann das Wunder vollbracht und die Produktivität gesteigert werden?

Mehr mobiles Banking und bargeldloses Bezahlen als hierzulande

„Die Länder südlich der Sahara können lange und irreführende Umwege überspringen, die Europa bei der Intensivierung seiner Landwirtschaft gemacht hat“, sagt die Wissenschaftlerin Sütterlin. In der Wirtschaftswissenschaft nennt man das Leapfrogging. Das klassische Beispiel für diese Art des ökonomischen Bockspringens sei das mobile Telefonieren in Afrika, erläutert Institutschef Klingholz. „Statt über Jahre und mit enormem Aufwand den ganzen Kontinent mit Kupferleitungen zu verkabeln, hat man direkt und schnell in mobile Netze investiert.“

Die Stromversorgung funktioniert häufig über Solarenergie aus kleinsten lokalen Netzen. „Heute sind viele Regionen Afrikas besser vernetzt als mancher ländliche Raum in Deutschland“, sagt Klingholz. „Mobiles Banking und bargeldloses Bezahlen sind weiter verbreitet als hierzulande.“ Das ist auch gut für den Agrarsektor.

Bei der Intensivierung der Landwirtschaft bedeute Leapfrogging, dass die Effizienzsteigerung nicht auf Kosten von Umwelt und Klima gehen dürfe, sagt Sütterlin. Der Klimawandel belastet bereits heute die Landwirtschaft im südlichen Afrika mit langen Dürreperioden. Um die Erosion der Böden zu verhindern, sollten afrikanische Bauern ihre Felder nicht mehr pflügen. Das erhalte die Böden und spare Energie.

Experten für Schutz vor billigen Importen

Die Entwicklung von gutem, für Afrika geeignetem Saatgut gehört ebenfalls dazu. „Saatgut ist für die Landwirtschaft, was Mikrochips für die Informationstechnologie bedeuten“, sagte der jüngst verstorbene Kenianer und Harvard-Entwicklungsexperte Calestous Juma. Derzeit legt die Mehrheit der afrikanischen Landwirte noch immer von jeder Ernte Samen für die nächste Aussaat zurück, weil sich die Farmer häufig kein besseres Saatgut leisten können.

Ohne gerechten Welthandel wird der Weg Afrikas auf die Überholspur auch nicht gelingen. Der kenianische Ökonom James Shikwati lehnt jegliche Hilfe ab, die Afrika „nur als Einkaufszentrum betrachtet“. Bislang kaufen Europa, die USA und China vor allem Öl, Diamanten und Erze billig auf und tragen kaum etwas zur nachhaltigen Entwicklung bei. Das müsse sich ändern, verlangen nicht nur afrikanische Ökonomen.

Sinnvoll halten die Berliner Wissenschaftler „eine vorübergehende Abschottung der afrikanischen Märkte im frühen Stadium der landwirtschaftlichen Transformation“. Die Regierungen müssten die Landwirtschaft gegen die Konkurrenz durch billige Importe von Milchpulver und anderen Produkten aus der EU schützen und gleichzeitig bessere Bedingungen für die Einfuhr afrikanischer Produkte in die EU aushandeln.

Dieser Artikel erschien zuerst bei heute.de, der Website des ZDF.

Zahlen und Fakten

In den 49 Staaten zwischen der Sahelzone und dem Kap der Guten Hoffnung am südlichsten Zipfel Afrikas bekommen Frauen im Durchschnitt fünf Kinder. Das sind 3,4 mehr als Frauen in den 28 EU-Ländern bekommen. In Deutschland liegt die Geburtenziffer bei etwa 1,5 Kindern pro Frau. Nirgendwo ist der Unterschied der Geburtenrate zwischen Stadt und Land so groß wie in Äthiopien. Dort bekommen Frauen auf dem Land im Schnitt 5,2 Kinder, in den Städten 2,3 Kinder. Bereits 2013 haben die Länder südlich der Sahara rund 90 Milliarden US-Dollar für importierte Lebensmittel ausgegeben – vor allem für Weizen und Reis.

Die Studie:

Die Studie „Nahrung, Jobs und Nachhaltigkeit. Was Afrikas Landwirtschaft leisten muss“, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erstellt. Sie zeigt im Vergleich zur Entwicklung der europäischen Landwirtschaft die vielfältigen Herausforderungen, aber auch Chancen für die Länder südlich der Sahara.

Gute Praxis:

Versicherungen: Von 2009 bis 2017 haben mehr als eine Million Kleinbauern in Kenia, Tansania und Ruanda Feldfrüchte im Wert von 75 Millionen US-Dollar gegen Wetterrisiken abgesichert. So funktioniert es: Die Firma Agriculture and Climate Risk Enterprise (ACRE) entwickelt auf Grundlage von Wetter- und anderen Indexmodellen spezielle, auf kleinbäuerliche Bedürfnisse ausgerichtete Versicherungsprodukte. Händler bieten Kleinbauern zusammen mit Saatgut und Düngemitteln diese Versicherung an. Entscheidet sich der Kunde dafür, sendet der Händler dessen Handynummer an ACRE und der Bauer erhält, ohne je ein Formular ausgefüllt zu haben, die Informationen zu seiner Versicherungspolice. Fallen Ernten aus, müssen die Bauern nicht warten, bis ein Gutachter den Schaden beurteilt. ACRE berechnet auf Grundlage historischer und satellitengestützter Daten einen Wetterindex. Abweichungen davon entscheiden, ob die Kleinbauern eine Erstattung erhalten.

Mobile Dienste: Der SMS-Dienst WeFarm beruht auf der Idee, dass es für schier jedes Problem irgendwo einen anderen Kleinbauern gibt, der dafür eine Lösung gefunden hat. WeFarm ist nur ein Beispiel für viele mobile Plattformen, die den Alltag der afrikanischen Kleinbauern verändern. Sie bergen auch das Potenzial für größere Verbesserungen, wie Forscher aus Harvard und Stanford gezeigt haben: Einfache Erinnerungs-Botschaften wie „Vergiss nicht, diese Woche Unkraut zu jäten“, die per SMS an kenianische Kleinbauern gingen, führten dazu, dass die Zuckerrübenerträge um mehr als elf Prozent stiegen. Das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“ erlaubt 18 Millionen Kenianern, per SMS zu bezahlen oder Geld zu überweisen – was sie zuvor nicht konnten, da ein Großteil der Kenianer kein Bankkonto besitzt.

Milch: Gut 400.000 Tonnen Milch und Milchprodukte konsumieren die 15,8 Millionen Einwohner Senegals jährlich. Mehr als die Hälfte davon importiert das Land, fast ausschließlich in Form von Milchpulver – vor allem aus der EU. Rund 3,5 Millionen Menschen in Senegal leben als Hirten und halten pro Kopf der Gesamtbevölkerung annähernd so viele Rinder wie der EU-Spitzenreiter Frankreich. 2006 gründete der Senegalese Bagoré Bathily die „Laiterie du Berger“ (Hirten-Molkerei). Deren Mitarbeiter sammeln die Milch von 400 kleinbäuerlichen Haushalten ein. Pasteurisiert oder zu Joghurt verarbeitet, gelangt sie per Kühllaster in die 400 Kilometer entfernte Hauptstadt Dakar zum Verkauf in Läden und Supermärkten. Inzwischen können die Hirten Abfälle der Reis- und Zuckerindustrie zu günstigen Preisen kaufen und an ihre Tiere verfüttern. So können sie Trockenzeiten überbrücken. Sie müssen nicht mehr nomadisieren und können ihre Kinder zur Schule schicken. Allerdings macht die senegalesische Regierung mit hohen Abgaben den Hirten das Leben immer wieder schwer.

 

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